I’m Telling You Stories. Trust Me.

Jeanette Winterson’s Zitat aus The Passion ist mir a) zu heilig und b) zu assoziationsreich, um es hier gebührend zu analysieren. Das würde nicht nur den Kontext sprengen, es ist an dieser Stelle auch weder nötig noch zuträglich. Aber was klingt da an?

Wir alle erzählen Geschichten. Wir lauschen ihnen. Erfinden sie. Verändern sie. Verändern unsere Sicht durch sie. Verändern uns durch sie. Sehr zum Leidwesen vieler Historiker hat der amerikanische Historiker und Literaturwissenschaftler Hayden White behauptet, dass Geschichtsschreibung immer narrativ ist.

Was im Großen gilt, gilt auch im Kleinen. Wir unterhalten uns über den Babyalltag mit Freunden, den eigenen Eltern, Gleichgesinnten oder gerne auch relativ ungewollt mit Fremden an der Kasse, und all die Fragen, die man vorher ob ihrer Banalität zutiefst verabscheut hat versucht man gewissenhaft zu beantworten oder stellt sie gar selbst:

Wie viele Stunden schläft das Baby nachts am Stück? Und tagsüber? Is(s)t es schon Möhren(brei) oder verteilt es diese(n) noch pollokmäßig in der Tiefe des Raumes? Schläfst du schon und lebst du noch?

Und obwohl es zum Glück schon so viele reflektierte, mutige, radikale, einfühlsame und ehrliche Blogs und Artikel (und auch schon ein oder zwei Bücher) gibt, die keine Märchen erzählen sondern Schweiß, Rotz, Tränen, Wut, Aggression, Depression, Verzweiflung, Angst, Herausforderungen und Ungerechtigkeiten gleichwertig neben das erste laute Babylachen stellen, habe ich das Gefühl, dass die Tabus in der Realität, auf die ich außerhalb meiner Wohnung treffe, noch vielfach ungebrochen sind.

Warum erzählen wir Geschichten, die relativieren und rechtfertigen, wenn sie drohen doch zu negativ zu klingen? Wer die ersten Monate mit Baby überlebt hat, weiß, warum Schlafentzug eine Foltermethode ist. Mein Baby schläft durch, was ich mich aber nicht zu sagen traue, weil ich dann denke, dass die anderen Mütter meinen Alltag für lächerlich unanstrengend halten müssen. Vielleicht ist er das, und ich bin sicher wirklich gut dran mit N.s Nachtruhe – aber ich bin trotzdem so dauermüde wie in den ersten Monaten mit Baby. Warum schaffe ich es nicht mich einfach mal ungefiltert und unzensiert hinzustellen und sagen, also live und in Farbe und vor Leuten, die ich nicht gut kenne: Ich finde mein Leben gerade ziemlich zum Kotzen. Nicht ganz so zum Kotzen, dass ich Balkone meide, aber eben so zum Kotzen, dass mich das Ende des Tages zum Durchhalten desselben motiviert. Ich weiß, es wird besser, ich weiß, es könnte schlimmer sein, ich weiß, ich stelle mich schon ziemlich an (Relativieren! Relativieren!). Meinem Gefühl hilft das nur nicht wirklich. Warum muss ich immer anfügen, dass ich mein Baby über alles liebe (was stimmt)? Warum bin ich in den Abgrund der Spießigkeit gefallen und habe mir ein Foto des Babys (wo es nach Papas Bierglas schnappt) aufs Fenstersims [sic!] gestellt und finde es gar nicht mal sooo schlimm? Bin ich wirklich einfach nur so feige und habe Angst vor dem Urteil der anderen Eltern?

Ja. Ich bin feige. Nein. Es ist nicht nur die Angst. Ich möchte überzeugen. Wen? In erster Linie mich selbst. Ich muss mir im wahrsten Sinn vor Augen halten (stellen, setzen, legen) warum es sich lohnt, irgendwie durchzuhalten. Weil es sie gibt, die zauberhaften Momente. Weil da bedingungslose Liebe ist, die ich mir nicht vorstellen konnte vorher. Weil ich selten so gelacht habe wie mit meinem Freund über unser Baby und mich selten so von Herzen über so banale Dinge gefreut habe wie: Drehen. Quietschen. Schnarchen. Atmen. Finger am Mund. Leere Flaschen. Genug Wäsche im Schrank. Denn wie in so vielen Situationen ist es auch hier so, dass das Glück flüchtig ist. Es ist ein sehr mimosenhafter Schmetterling, der mich so zart mit seinen Beinchen kitzelt, dass ich nicht mal niesen muss davon. Wenn ich ihn nicht sofort einfange und an die Wand tacker vergesse ich, dass er da war.

Wenn Euch also demnächst wieder eine Mutter oder ein Vater begegnet, die/der ins Schwärmen darüber gerät wie putzig die Zähnchen doch aussehen, die sich gerade den Weg durch das blutige Zahnfleisch gekämpft haben (das klingt nicht umsonst nach Schmerz) oder die erzählen, dass es gar nicht so schlimm ist mit dem Schlafmangel, weil man ja zum Stillen nicht mal aufstehen muss nachts oder die mit dem Verschicken von Babyfotos sowohl in Nervig- als auch Häufigkeit den Spams für Penisverlängerungen Konkurrenz machen können (mich eingeschlossen) – dann seid etwas nachsichtig. Denkt an die Zahl der verlorenen Schlafstunden, an die vollgekotzten Klamotten, die Beziehungskrisen, geschundenen Muskeln, vergessenen Hobbys, den kalten Kaffee und den leeren Magen, die sich alle ohne ein herzerweichendes Gegacker vom Nachwuchs ab und zu sicher schwerer ertragen ließen.

Remember: They suffer from the facts. They need a bit a bit of fiction. They’re telling you stories. Trust them. It’s not as bad as spam.

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If Shit Happens, It’s His Shit. And Mine.

Seit Ende März lebt das Baby nun bei uns – beziehungsweise mit uns und wir mit ihm. Fast hätte ich mich nicht mehr getraut, hier etwas zu schreiben, da ich es schon vier Monate nicht geschafft habe und gar nicht wusste, welches der 1000000 Themen, die sich inzwischen im Alltag hier aufgetürmt hatten, ich hier zum Thema machen will. Da mir nicht viel Zeit (zum Nachdenken) bleibt habe ich jeglichen Anspruch begraben und schreibe einfach drauflos. Also: May the shit begin. Wobei…. die praktische Erfahrung der letzten Monate zeigt, dass Scheiße ganz und gar keine Aufforderung braucht, um sich ihren Weg zu bahnen.

Wer die Shitlist der Weltreligionen (und Ideologien….und Philosophien….) kennt, weiß, dass Scheiße nicht einfach nur so passiert (abgesehen vom Taoismus: Shit happens). Wer allerdings gerade eine Kackewindel wechseln möchte (möchte?), weiß auch, dass z.B. die buddhistische Einstellung If shit happens, it isn’t real shit nicht wirklich dabei hilft einen zarten Babypopo wieder sauber zu kriegen. Auch der Atheismus, dem ich sonst recht aufgeschlossen gegenüberstehe, liegt mit No shit definitv daneben. Das katholische If shit happens, you deserve it hilft (wie so oft) nicht weiter, während kein Elter der Welt behaupten kann, dass er sich noch nie das protestantische Let this shit happen to someone else gewünscht hat – wirklich helfen tut das allerdings auch nicht.

Vor der Geburt des Babys hätte ich nicht gedacht, dass ich dem Hinduismus und dem Mormonentum einmal so überzeugt zustimmen würde wenn sie sagen: This shit has happened before und This shit will happen again. 

Vier Monate sind vorbei, in denen mich das Baby schon wahnsinnig gemacht hat. Wahnsinnig glücklich, wahnsinnig traurig, wahnsinnig müde, wahnsinnig langweilig, wahnsinnig unkreativ auf die eine (z.B. künstlerische) und wahnsinnig kreativ auf die andere Weise (z.B. das Fläschchen beim Füttern kurz mit dem Kinn halten, wenn ich ganz dringend eine meiner beiden Hände brauche), wahnsinnig wütend, wahnsinnig gelassen, wahnsinnig krank, wahnsinnig wehleidig, wahnsinnig egoistisch, wahnsinnig selbstlos, wahnsinnig kindisch und wahnsinnig erwachsen.

Bevor die nächste Mahlzeit ansteht oder die nächste nächtliche Runde auf dem gemütlichen Elternarm gewünscht wird poste ich schnell diesen ersten Beitrag seit Beginn der neuen Zeitrechnung.

Herzlich Willkommen, kleiner N. 

Wie du mich schon gelehrt hast, hat Liebe manchmal eine sehr profane Erscheinung:

Parentism: If shit happens, you change nappies. 

Break On Through To The Other Side

Wird Zeit, dass ich mir hier mal wieder einen abbreche – wovor ich mich irgendwie gedrückt habe in den letzten Monaten. Woran’s liegt, weiß ich nicht ganz genau – vermutlich an der Angst, dass es jetzt gerade ernst wird und der Bauchzwerg jederzeit rausbrechen und zum Erdzwerg werden könnte. Die Bruchmetapher lässt sich in diesem Kontext wunderbar vielfältig einsetzen: Nicht umsonst platzt ja im Englischen nicht die Fruchtblase, sondern, wie wir spätestens von Kurt Cobain gelernt haben (meine Generation, meine ich): the waters break. Auch der Bauchzwerg bricht irgendwie durch auf die andere Seite bei der Geburt (autsch), es kommt zum Bruch der engstmöglichen Verbindung zwischen Mutter und Kind und nicht zuletzt wird das Ganze wohl auch ein krasser Bruch mit dem vorherigen Leben sein.

Wer weiß, wie gut Veränderungen und ich ganz prinzipiell befreundet sind, versteht sicher, warum ich hier plötzlich mit dem Prokrastinieren begonnen habe – wobei Bloggen ja eigentlich Freizeitspaß sein sollte! Das Gute und Schlechte an so einer Geburt ist wohl: Man kommt um sie nicht herum – und auch nicht um die Veränderungen, die sie nach sich ziehen wird. Deswegen leistet auch das Prokrastinieren in diesem Fall keinen wirklich effektiven Beitrag zur Verdrängung – was täglich weiter wächst lässt sich vielleicht eine Zeit lang noch zurückdrängen, ist letztlich aber entweder nach einer leichten, schweren, furchtbaren, (un)natürlichen, kurzen oder ewig-wirkenden Geburt einfach da und möchte verantwortungsvoll (mein 2. Lieblingswort mit V) umsorgt werden. Also kann ich der Angst das Genick brechen und zumindest mit etwas Spaß über sie schreiben an dieser Stelle.

In diesem Sinne:

Somehow I have to make this final breakthrough

Now!

Vielleicht der etwas andere Motivationssong zur Geburt:

Oh Lord, Please Don’t Let Me Be Misunderstood…

Das Problem an einer Schwangerschaft ist, dass sie leider völlig unabhängig von der eigenen Faulheit voranschreitet und keine Rücksicht darauf nimmt, ob man es gerade schafft fleißig Blog-Einträge zu schreiben oder nicht. Trotz zugegeben unverzeihlicher Nachlässigkeit will ich jetzt trotzdem ohne große Umschweife einfach inhaltlich fortfahren und mich nicht langweilig-entschuldigend um Kopf und Kragen schreiben (ich hoffe, diese paar Zeilchen zählen noch nicht!).

Nur, weil die meisten Dinge, mit denen wir uns hier im industrialisierten Deutschland während einer Schwangerschaft beschäftigen (Geburtsvorbereitungskurs, Pränataldiagnostik etc.) Aspekte der Gesundheitsindustrie und der Wirtschaft sind, in deren “Genuss” die meisten Schwangeren auf der Welt nie kommen werden, heißt das natürlich noch nicht, dass man prinzipiell alles davon mitmachen oder ablehnen muss. Zum Beispiel bedient man sich einfach am bunten Buffet und nimmt sich das, was einem schmeckt.

Da mir das sowohl lecker als auch gesund erschien, habe ich einfach mal beim Schwangerschaftsyoga zugegriffen und mich der ersten Situation gestellt, in der ich auf ausschließlich andere Schwangere stoße. Die Vorstellung, allein auf Grund einer körperlichen Veränderung, für die ich auf Grund eines kindischen Moments der Nachlässigkeit selbst verantwortlich bin, mit anderen Menschen in eine Gruppe zu gehören, mit denen ich vielleicht sonst nichts gemein habe, erschien mir zwar alles andere als verlockend, aber wer schon mal schwanger war und die Erfahrung gemacht hat, dass sich Migräne in der Schwangerschaft der blöden Statistik zum Trotz auch extrem verschlimmern kann, möge mir verzeihen, dass ich meine Prinzipien mal links liegen gelassen habe. Außerdem schadet es auch nie, vielleicht doch mal genau den Weg einzuschlagen, von dem einen die eigenen Vorurteile mit aller Macht abhalten wollen.

Als ich das erste Mal in einem dunklen Hinterhof nach der Yogaschule suchte hatten sich die schwangeren Yoga-Insider schon vor der Tür versammelt und wirkten auf mich genauso einschüchternd wie jede andere Art von Gruppe, zu der ich als Neuling den Kontakt suchen muss. Zum Glück sind Schwangere meist auch nur Menschen, die meist auch nicht beißen, und so kam ich mit zweien in Pseudo-Small-Talk-Kontakt, der irgendetwas mit der Schwangerschaftswoche zu tun hat (wohl dem, der noch weiß, in welcher er gerade ist). Nachdem uns die freundliche Yogalehrerin Tür und Tor geöffnet hatte und kontrollierte, wer alles anwesend ist, entfuhr ihr die Bemerkung, dass die Teilnehmer immer irgendwann so plötzlich wegfallen. Das macht natürlich Sinn, weil das Kind sich ja meist nicht unbedingt vorher ankündigt, weshalb ich daraufhin den Vergleich wie im Krieg! äußerte, den allerdings niemand außer mir komisch fand.

Bitte, ich möchte nicht missverstanden werden. Eine Geburt ist eine sehr ernste Sache, und auch ich habe eine Heidenangst davor. Und nein: Ich habe auch keine Lust wie im Krieg dabei zu sterben. Aber kann man das Schwangerschaftsgedöns trotz all seiner Bedeutsamkeit nicht auch ab und zu ein wenig sarkastisch auflockern?

Vermutlich: Ja. Vor allem dann, wenn man das bei allen Lebensthemen so zu tun pflegt. Und: Nein. Wenn man das bei allen Lebensthemen nicht so zu tun pflegt. Leider kann ich nur durch solche Kommentare, die einfach zu mir gehören, herausfinden, ob es irgendwo im Raum Gleichgesinnte gibt. Das Problem scheint mir aber zu sein, dass viele Schwangere Ihren Humor mit dem Pipi, das für den ersten Schwangerschaftstest genutzt wird, ins Klo rieseln lassen.

Als wir dann also auf unseren Matten saßen und reihum gefragt wurden, wie es uns geht, erinnerte mich das äußerst positiv an die Gruppentherapie aus der psychosomatischen Klinik. Allerdings auch nur, bis ich feststellte, dass es bei den meisten um rein körperliche Gebrechen geht. Von Vorteil kann dann sein wenn man weiß, wer oder was die Symphyse ist oder wenn man sein Hirn solange auf andere Dinge konzentrieren kann, bis man selbst an der Reihe ist. Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, aus dem Nähkästchen zu plaudern. Wenn es mir nicht gut geht, weil mein Kind unterversorgt ist (fiktiv), mein Partner mich verlassen hat (fiktiv) oder meine Mutter gestorben ist (fiktiv), dann werde ich lieber darüber reden als über meine Symphyse. Was natürlich nicht heißt, dass ich ich nicht auch in Symphysentoleranz üben muss.

Spätestens beim OOOOOOOOOOOOOMMMMMMMMMMM, dass wir alle zu Beginn und zum Ausklang der Stunde dreimal synchron wiederholen, musste ich mich aber zusammenreißen, nicht laut loszulachen. Ich weiß, das liegt vermutlich an meiner Yogaunerfahrenheit und der Unzugänglichkeit, die ich bisher gegenüber bestimmten spirituellen Themen empfinde. Aber mir kam das Gebrumme einfach nicht über die Lippen; meine Stimmbänder weigerten sich in den Klang miteinzusteigen. Wenn mein kleiner Bauchzwerg mich hört, was soll er denn dann dabei von mir denken?

Wer allerdings glaubt, es gehe im Kurs entspannt zu, der hat sich – bis aufs Ommmmm – geschnitten. Sobald die tiefen Töne verklungen waren, ging es an ein zackiges Übungsprogramm, dass mich als untrainierte Schwangere extrem alt aussehen ließ. Wenn sich Damen, die offenbar kurz vor der Entbindung stehen, graziöser bewegen als man es selbst nach zehn Jahren Übung täte kann das durchaus gewisse Insuffizienzgefühle erzeugen. Erstaunlicherweise erschienen mir alle Teilnehmerinnen als professionelle Yogis, was in mir wahre Dankbarkeit darüber aufflammen ließ, dass ich mich bei den Übungen nicht selbst im Spiegel sehen musste.

Wenn zwischendurch eine (für meine untrainierte Lunge viel zu kurze) Verschnaufpause eingelegt wurde, streichelten die meisten Schwangeren ihren Bauch, als würden sie dort die russischen Kronjuwelen hüten, woraufhin ich mir vornahm, niemals in Anwesenheit anderer Menschen meinen Bauch zu streicheln. Ich kann mir nicht helfen, aber diese Geste ist für mich unmittelbar mit einer Selbstgefälligkeit verbunden, die ich einfach für unangemessen halte. Nein, man ist als Mensch nicht mehr wert, nur weil man ein Kind austrägt. Und nein, man kann auch auf nichts stolz sein, was man sich selbst geschaffen hat (ich verweise an dieser Stelle auf die zur WM regelmäßig aufkommende Debatte über Nationalstolz). Man mag darüber streiten, aber den kreativen, schöpferischen Anteil an einer Schwangerschaft halte ich für verschwindend gering.

Als Fazit lässt sich sagen: Ich war noch ein zweites Mal beim Kurs, und ich werde auch noch mindestens achtmal hingehen, damit ich den Beitragsanteil erstattet bekomme, den die Kasse übernimmt. Und das zweite Mal war ein wenig weniger schlimm als das erste, auch, wenn das kleine 12-Jährige Mädchen in mir noch keine Lust hat, den Trotzschuh komplett auszuziehen und mit verschränkten Armen motzt: Ich will aber nicht (so sein wie ihr).

Lieber Bauchzwerg, obwohl ich etwas in Eile bin, muss ich traditionsgemäß das Wort noch an dich richten, natürlich. Vertsteh mich nicht falsch, ich wünsche mir für dich nichts sehnlicher als einen gelungenen Start ins Leben nach einer komplikationsfreien (oder -armen) Schwangerschaft. Aber bitte sei mir nicht böse, wenn ich das ein oder andere Detail dieser umständlichen Zeit mit einem Hauch Sarkasmus und Ironie versehe. Sie soll nicht auf deine Kosten gehen und nichts von der Liebe abtragen, die ich dir gegenüber empfinde (Schmalzbutton aus). Aber sie gehört zu mir, und meiner Art die Welt zu sehen, und ich will mich nicht verstellen oder anpassen, nur, weil ich jetzt vermutlich bald die Mutterrolle antrete. Wenn du da bist, kannst du mir irgendwann meinen Sarkasmus um die Ohren hauen – oder mit einstimmen. Wie es auch sein mag, ich bin gespannt auf dich und deine Persönlichkeit.

Ach, und eins noch alle, die sich vielleicht demnächst in ähnlichen Situationen befinden und dem Ernst der Lage etwas entgegnen wollen:

Glücklich ist, wer nie verlor im Kampf des Lebens den Humor. 

I’m a Bitch, I’m a Lover, I’m a Child, I’m a Mother, I’m a Sinner, I’m a Saint…

…And I Do Not Feel Ashamed krächzte Meredith Brooks 1997 ins Mikro, und wer die Neunziger zumindest halbbewusst miterlebt hat weiß, dass das schon einer der besseren Top-Ten-Hits dieses Jahrzehnts war. Eine kleine Weile zuvor hat ein Barde mit Bart (vermutlich) das tägliche Rollenspiel, das wir spielen, ein wenig poetischer ausgedrückt. Das klang dann so:

All the world’s a stage,/ And all the men and women merely players: / They have their exits and their entrances; / And one man in his time plays many parts, […] (Shakespeare, As You Like It, Act II, Scene VII)

Egal, ob man es schnodderig oder poetisch in Worte fasst: Wer lebt und sich minimalst am sozialen Leben beteiligt kommt ums Rollenspiel nicht herum (jedenfalls nicht außerhalb des eigenen Schlafzimmers). Manche Rollen suchen wir uns selbst aus und genießen diese bisweilen sehr: Das waren/sind bei mir zum Beispiel die Rolle als Student, Freundin, Drummerin und Hörer bestimmter Musik (die inkonsequente Verwendung des weiblichen Suffixes ist Absicht). Vielleicht machen diese Rollen besonders viel Spaß, weil man sie frei wählen kann. Anders zum Beispiel ist es mit der Rolle als Angehöriger einer Nation, Steuerzahler oder Kind. In diese wird man erstmal hineingeboren. Auch, wenn man diese Rollen natürlich sehr individuell (aus)leben kann – oder im Fall der Staatsangehörigkeit die Rolle wechseln – ganz ablegen kann man sie nicht. Nun gut, vielleicht mag es mit riesigen Kosten und Mühen theoretisch möglich sein in seinem eigenen staatsfreien Gebiet zu leben – Kind bleibt man ein Leben lang, selbst dann, wenn die Eltern sterben. Andererseits teilen wir diese Rolle ja mit allen anderen Menschen. Ist diese Kinderrolle dann überhaupt noch eine Rolle, die eine Rolle spielt? Vermutlich fast jeder, der Eltern hat, wird bestätigen: Jepp. Ob inniges, professionell-distanziertes, abgebrochenes oder wohnungsteilendes Verhältnis zu den Eltern besteht: Egal ist diese Rollen-Beziehung fast niemandem.

Wie ist es jetzt aber mit der Mutterrolle? Diese ist eine, die man sich sowohl aussucht als auch – einmal angetreten – eine, die man nicht mehr ablegen kann. Selbst wer sich entscheidet, sein Kind zur Adoption freizugeben, wird zumindest ein Leben lang die biologische Mutter des eigenen Kindes bleiben. Über diese Endgültigkeit der Beziehung, die ich mit meinem Kind eingehe, habe ich mir vor der Schwangerschaft keine Gedanken gemacht. Da habe ich darüber nachgedacht ob ich einmal ein Kind “haben” will – als könnte man Menschen besitzen. Die Frage, ob ich Mutter werden will – und vor allem, was für eine Mutter ich werden will – habe ich mir ehrlich gesagt nicht gestellt. Ganz abgesehen davon, dass mich auch als ungeplant Schwangergewordene dieselben Fragen plagen wie viele andere Schwangere (Werde ich eine gute Mutter? Was macht für mich eine gute Mutter aus? Werde ich mit der Verantwortung fertig?) überwältigt mich plötzlich die Ambivalenz von Kind-bleiben-und-Mutter-werden. Für meine Eltern bleibe ich Kind, aber trotzdem verändert sich auch unsere Beziehung schon in der Schwangerschaft. Plötzlich ist den werdenden Großeltern der Bauchzwerg anscheinend mindestens genauso wichtig wie ich, was zu so skurrilen Handlungen und Kommentaren führt wie diesen:

– Die eigene Mutter hält einen beim Überquren der Straße energisch am Ärmel fest und schreit: “Achtung! Du musst jetzt besonders aufpassen, dass du nicht vom Auto angefahren wirst!” – Als wäre es egal, wenn mich nichtschwanger ein Laster erfasst und zu Pampe matscht.

– Alles, was mir früher von Muttern zu meiner eigenen Erbauung und Gesundheit geraten wurde (“Geh einmal am Tag vor die Tür! Du brauchst Sonnenlicht! Iss regelmäßig! etc.”) dient jetzt scheinbar nur noch dem Bauchzwerg, und nicht mir: Plötzlich muss ich den Bauchzwerg einmal am Tag vor die Tür führen, braucht der Bauchzwerg Sonnenlicht (haha – wie soll das gehen?) und essen tue ich schon lange nicht mehr für mich selbst sondern für den kleinen Zwerg, der an der Nabelschnur zieht und so seine Bestellungen aufgibt.

Ihr merkt, dass ich übertreibe. Natürlich ist es schön, dass sich meine Mutter um das Wohl ihres Enkels sorgt, und vermutlich bin ich einfach nur NEIDISCH AUF MEIN EIGENES KIND, weil es mir schon jetzt Muddis und Vaddis Aufmerksamkeit stiehlt. Dass das keine erwachsene Haltung ist, ist mir klar. Es ist vermutlich der Trotz meines inneren Kindes (das übertragene), der schnaufend an die Luft kommt und sich wie eine Dampflok empört. Moralisch gesehen beginnt jetzt eine Zeit, in der ich zurückstecken muss (tun das Mütter nicht dem Cliché nach?) und der Zwerg an erster Stelle kommt. Vermutlich, wie ich schon an anderer Stelle geäußert habe, wird es gar keine Frage sein, dass ich dem hilflosen Winzling nach der Geburt jeden Wunsch von den Lippen abhöre und möchte, dass es ihm rundum gut geht. Ich werde das kleine, trotzige, 12-jährige Mädchen in mir zur Seite nehmen müssen und ihm erklären, dass es jetzt mal zurücktreten muss, dass ich es immernoch lieb habe und es nicht vergessen werde, dass ich aber jetzt auch die Mutter spiele für das kleine Wesen, das komplett auf mich angewiesen ist. Vielleicht hilft dieses Bild, die beiden Rollen miteinander zu vereinen und auch emotional zu verstehen, dass sie sich nicht gegenseitig ausschließen. Letztendlich bekommt das 12-jährige Mädchen ein Geschwisterchen. Im besten Fall gelänge es mir also, dir beides zu sein, kleiner Bauchzwerg: Mutter und Schwester/Freundin. Dass ich während des Verfassens dieses Textes 8 Rochers verdrückt habe, bleibt aber bitte unser süßes Geheimnis, ok?


			

You’ll Never Walk Alone

Woran müssen die meisten von uns vermutlich denken, wenn Sie den Titel You’ll Never Walk Alone hören? An Fußball. Die Fußballinteressierten wohl sogar konkret an den FC Liverpool, dessen Fans den Song in der Version von Gerry & The Pacemakers weltberühmt machten. Man kann mutmaßen, dass der hardcore-schnulzige Song bei den Fußballfans das Gemeinschaftsgefühl und die Verbundenheit zur Mannschaft ausdrücken soll – aber wer weiß schon, dass der Song ursprünglich aus dem 1945 uraufgeführten Broadway-Musical Carousel stammt? Dort soll er die schwangere Protagonistin ermutigen, deren Mann sich gerade mit einem Messer selbst den Garaus gemacht hat:

Wenn man schwanger ist, kann man die Zeile “You’ll Never Walk Alone” allerdings auch als Drohung betrachten: Du wirst ab jetzt nie wieder allein sein…! Zumindest in der ersten Zeit nicht, wenn das kleine Leben komplett auf Mutter/Vater/Bezugsperson XY angewiesen ist.

Gesellschaftlich scheint der Grundsatz zu gelten, dass der Mensch nicht gern allein ist, und schon in der Bibel werden Gott die relativ dominanten Worte in den Mund gelegt:

Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.

Obwohl es unzählige Momente gibt und gab, in denen auch ich nicht gern allein war und bin – Der Gedanke, für eine unbestimmte Zeit nicht mehr allein sein zu können macht mir eine Heidenangst (jetzt wissen wir auch, weshalb das so heißt!). Mir ist klar, dass das nicht in Absolutheit gilt – es gibt den Kindsvater, zweimal Großeltern und viele liebe Freunde, die bestimmt gern mal auf den Dann-Nicht-mehr-Bauch-Zwerg aufpassen. Aber am Ende des Tages (oder der zwei, drei Stunden) kommt der Zwerg zu mir zurück und ich bin nicht mehr allein, allein. Dass keine Missverständnisse entstehen – ich bin mir sicher, dass ich den Zwerg bedingungslos lieben und alles in meiner Macht stehende tun werde, damit es ihm wohlergeht; aber vielleicht weil ich ihn jetzt eben noch im Bauch und nicht im Arm trage macht es mir Angst, dass ich dann nicht mehr allein sein kann, wenn ich es möchte. Das ist ein böser, egoistischer Gedanke, den man als Mutter sicher nicht unreflektiert an jedem Ort aussprechen sollte. Trotzdem halte ich es für gesünder, wenn man den Gedanken rechtzeitig an die Adressaten richtet, die einem ab und zu etwas Freiraum verschaffen können (an dieser Stelle folgte eine sehr makabere Anspielung darauf, was passieren kann, wenn Mütter überfordert sind und sich weder Hilfe suchen noch Freiräume schaffen; ich wollte zwar mutig und schonungslos ehrlich sein in diesem Blog, fühle mich aber nach dem Löschen der Anspielung doch etwas wohler).

Manche Menschen brauchen kaum Zeit für sich allein. Das sind nicht zufällig oft auch diejenigen, die auf Partys am längsten bleiben und von langen Konversationen nicht erschöpft sondern angeregt sind (ich liebe Unterhaltungen, nur verlasse ich selbst das beste Gespräch irgendwann mit Energieverlust) – wer sich weiter damit beschäftigen möchte, dem empfehle ich die Unterscheidung zwischen Introvert und Extravert im MBTI Persönlichkeitssystem:

http://16-personality-types.com/mbti-four-dichotomies/extraversion-introversion/

Da ich – suprise! – zu den Introverts gehöre, brauche ich Zeit für mich allein um Energie zu tanken. Ob ich dabei lese, bei youtube festhänge, schreibe oder in der Nase bohre ist nur meinen Launen geschuldet – auf den Erholungseffekt hat das kaum einen Einfluss, aber meine Ausgeglichenheit wird in jedem Fall gefördert und die Energietanks besser aufgefüllt als durch jeden Proteinriegel.

Lieber Bauchzwerg, es wird ja schon fast zur Tradition, dass ich am Ende eines jeden Beitrags das Wort nochmal an dich richte. Ich hoffe, du siehst mir meine Ehrlichkeit nach und zweifelst nicht an meiner Zuneigung zu dir, die seltsamer-, d.h. unbekannterweise, bereits jetzt schon besteht. Ich habe noch immer die Hoffnung, dass ich nicht gänzlich versagen werde als Mutter, und dass ich wohl wie alle ab und zu ausraste und dich trotzdem um keinen Preis mehr hergeben möchte, wenn du den verhangenen Himmel Berlins erblickt hast. An dieser Stelle könnte ich ziemlich kitschig mit Shakespeare enden, und vielleicht tue ich das – und halte – wie ihr hoffentlich auch – die Parallelität von grenzwertigem Egoismus und liebeserfülltem Kitsch einfach mal aus (aber auch nur, weil ich so gern aus Hamlet zitieren möchte):

Doubt thou the stars are fire;

Doubt that the sun doth move;

Doubt truth to be a liar;

But never doubt I love.

Gender Trouble

Ob Mädchen oder Junge – Hauptsache gesund!

Das behaupten gerne werdende Eltern, die enttäuscht über das Geschlecht ihres Kindes sind – oder Freunde und Eltern, die um die Enttäuschung wissen und trösten wollen. So richtig offen zugeben wollen die meisten die Enttäuschung selten – Schließlich würde man sein ungeborenes Kind irgendwie schon dem ersten Schwall von Sexismus aussetzen.

Klar, alle unbeteiligten Moralapostel entrüsten sich sofort, wenn man genannte Enttäuschung zugibt. Beste Beispiele bieten diverse Foren, in denen werdende Mütter ihre Enttäuschung kundtun – und oft beleidigend mit der Moralkeule erschlagen werden. Wenn man also schon dort lieber nicht ehrlich sein sollte kann man sich vorstellen, dass man im Plausch mit Bekannten, (Schwieger-)Eltern und Co. lieber auch die Wahrheit runterschluckt. Aber wäre es nicht besser, über die Enttäuschung zu sprechen und sie so vielleicht zu verarbeiten, als sie später unbewusst am Kind auszulassen?

Bevor ich schwanger war, habe ich auch schon gewusst, dass ich viel lieber ein Mädchen hätte, konnte dieses Wissen aber noch gut verdrängen. Denn mal ehrlich: Darf man sowas überhaupt denken, wenn man seine Magisterarbeit über “Transgression of Gender” geschrieben hat? Oder muss man dann nicht sowohl seinen M.A.-Titel als auch seine gefühlte Zugehörigkeit zum Butler-Feminismus sofort zurückgeben?

Ich gebe es zu, ich habe seit der Schwangerschaft Gender Trouble der ganz besonderen, unerwarteten Art. Mir ist das Geschlecht des Bauchzwerges nicht egal, und ich spreche sogar schon vor der Möglichkeit jeglicher sozialen Prägung von Geschlecht – also gehe ich zu meinem Entsetzen offenbar auf einmal auch von einem biologischen Geschlecht aus. Und kriege die Binariät nicht aus meinem Kopf. Auch mein Vorsatz, dem Kind nur vermeintlich geschlechtsneutrale Babyklamotten anzuziehen oder – nach gutem Beispiel anderer – abwechselnd zwischen Jungen-“typischen” und Mädchen-“typischen” Farben und Drucken zu wechseln, gerät ins Wanken. Wenn ich behaupte: Ich ziehe meinem kleinen Jungen auch Kleider an!….dann bin ich mir nicht sicher,  ob ich das nur aus Trotz behaupte oder das wirklich umsetzen sollte – Schließlich muss ich immer an Hemingway denken und daran, dass es ihm nicht ganz so gut bekommen sein dürfte, dass ihn seine Mutter in Kleider zwängte und in die Rolle eines Mädchens zwang.

Ich habe also ein Problem und schäme mich dafür, dass ich genau dieses Problem habe, und dass ich fest in den Klauen des gängigen Geschlechtermodels gefangen bin.

Lieber Bauchzwerg, verzeih mir bitte. Das einzige, was ich bisher wirklich daraus lernen konnte, ist: Genieße die Bauchzeit vor der “Entdeckung”/”Zuschreibung” deines Geschlechts in vollen Zügen. Versteck dich gerne weiterhin beim Ultraschall, du hast ein Recht darauf. Das Schwert, das dich unwillkürlich zum Mädchen oder Jungen schlägt, trifft dich noch früh genug.

Don’t try this at home

“Ungeplant schwanger” klingt wie der Teil eines schlechten Titels zu einer schlechten RTL-Scripted-Reality-Show über überraschend über Nacht befruchtete Teenie-Mädchen, die es mit der Verhütung vielleicht nicht ganz so genau genommen haben weil sie dachten: “Naja, so schnell wird man ja nicht schwanger…” Wenig überraschend ist allerdings, dass man logischerweise vor Beginn der Menopause auch dann ungeplant schwanger werden kann, wenn man die Teenie-Jahre und die Leichtfertigkeit weit hinter sich gelassen zu haben glaubte. Also äh, ja doch, so schnell kann man schwanger werden. Tipps zu den Umständen, wie es zu solchen Umständen kommen kann, unterlasse ich an dieser Stelle aber auf Grund der Nachahmungsgefahr.

Da ich im letzten halben Jahr herausgefunden habe dass es schier unmöglich ist in dieser Stadt einen Job zu bekommen der  “irgendwas mit dem zu tun hat, was ich gerne machen würde” (oder auch mit dem, was ich schon gemacht habe), verringert eine Schwangerschaft die Aussicht auf Bewerbungserfolg auch nicht wirklich. Wo vorher nichts war, kann auch nichts verschwinden, das ist vielleicht meine gedachte Umkehrung dieses physikalischen Gesetzes dass kein Körper dort sein kann, wo schon ein anderer ist. Das beweist auch der wachsende Fetus, der es sich im Bauch gemütlich macht. Die Gedärme müssen halt sehen, wo sie bleiben.

Der Bauchzwerg hat es sich inzwischen recht gut eingerichtet und wächst langsam aber stetig dem Tag seiner Geburt entgegen – die Frage, wie er denn nun den Storch beschwatzt hat und so weiter ist unwichtig geworden. Er hat es geschafft, und wird keine Ruhe geben bis er das Grau des Berliner Himmels erblickt hat – und dann geht es ja mit der anderen Unruhe auch erst so richtig los. Deswegen heißt es jetzt für demotivierte arbeitslose Geisteswissenschaftler: Nach vorne schauen und das Lustigste aus den vielleicht etwas widrigen Umständen machen. Lieber Zwerg, willkommen in Schöneberg.